
Wer Ohren besaß, hockte vor dem Weltempfänger, in Ausnahmefällen sogar schon vor der brandneuen Schwarz-Weiß-Flimmerkiste, und verfolgte mit zittrigen Fingern das Endspiel der Fußball-WM in Bern zwischen den Zauberern aus Ungarn und den euphorisierten Pragmatikern aus Deutschland. Die Mannschaft des brillanten Taktikers und legendären Schöpfers geflügelter Worte, Sepp Herberger, hatte ihr Soll längst in zwei Spielen gegen die Türkei und insbesondere bei dem überragenden 6:1-Halbfinalsieg gegen die beliebten Nachbarn aus Österreich erfüllt.
Die ungarische Wundermannschaft um Czibor und Puskas war seit Mitte 1950 in 32 Länderspielen ungeschlagen, hatte gerade den amtierenden Weltmeister Uruguay und den Vizeweltmeister Brasilien aus dem Turnier geworfen und galt schon weithin als unbesiegbar. Die letzten beiden Spiele wurden sogar ohne Ferenc Puskas gewonnen, den der Lauterer Abwehrstratege Liebrich bei der 3:8-Niederlage der deutschen B-Elf in der Vorrunde ebenso weitsichtig wie nachhaltig vom Feld getreten hatte. Im Endspiel war der allerdings wieder fit, schoss ordnungsgemäß das erste Tor und nach sieben Minuten und einem Spielstand von 0:2 schien alles auf eine erneute Demütigung hinauszulaufen. Aber dann kam alles ganz anders! Morlock und zweimal Rahn wendeten das Blatt und schlugen der ungarischen Fußball-Historie ein Schnippchen, von der sie sich bis heute nicht mehr erholen sollte. Nicht mal durch das Trainer-Intermezzo eines Lothar Matthäus!
„Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Für Bier- und Klorollenproduzenten, die zum Schnäuzen so gut geeignet waren wie als Girlanden, war dieser elektrisierende Kommentar Auftakt zum ersten Wirtschaftswunder. Wildfremde Menschen sprangen einander auf der Straße in die Arme, um sich zu beglückwünschen. Die Volkshelden dieser exponentiell zum Mythos wachsenden Mannschaft erhielten Heiratsanträge, Silberlorbeer vom Bundespräsidenten Theodor Heuss und vereinzelt gar Motorroller und Waschmaschine. (Man stelle sich – nur für einen kurzen Augenblick – die Reaktionen der heutigen Spieler- und Trainergeneration oder des Team-Managers angesichts einer solchen Würdigung vor …)
Man durfte also auf der Weltbühne wieder mitspielen und sogar gewinnen. Im nationalen Siegesrausch oder in alter Verbundenheit brach aus diversen deutschen Fans im Berner Stadion die verbotene erste Strophe des Deutschlandliedes heraus, aber die Weltgemeinschaft hielt sich gelassen die Ohren zu. Der vierte Juli war ohne Zweifel prägend für das Selbstverständnis der fußballerischen Bundesrepublik, für die außenpolitische Anerkennung, für die innere Demokratisierung, für die wirtschaftliche Entwicklung, die Mannschaft wurde Legende, Sepp Herberger der meistzitierte Trainer der Welt. Nur für den Silberpfeil von Mercedes hätte der Tag noch besser laufen können!
Ob die politische Symbolkraft des Fußballs auch bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, die bekanntlich jetzt am 11. Juni beginnt, Einfluss auf den Werdegang des Turniers nimmt und mit einem erfolgreichen Gastgeber die noch längst nicht verheilten Wunden der Apartheid weiter pflegt, ist keineswegs ausgemacht. Zu durchwachsen waren die Leistungen der „Bafana Bafana“ zuletzt. Allerdings traute man auch den „Sprinboks“, der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft, beim World-Cup 1995 eher wenig zu und was die Jungs dann – motiviert von Nelson Mandela höchstpersönlich – in der Heimat angerichtet haben, kann man sich derzeit in dem berührenden Film „Invictous“ von Clint Eastwood ansehen.
Wie Nationen bewegend sportliche Ereignisse sein können, haben wir also eindeutig nachgewiesen. Welch inneren Laternenzug ein Turniersieg beim örtlichen Hallenfußball-Cup, ach was, schon ein gelungenes Dribbling, ein präziser Pass in die Tiefe des Raumes oder ein Schuss in den Dreiangel auslösen können, das muss man einfach selber ausprobieren. Idealerweise während der Weltmeisterschaft, denn dann sind in der Regel im Anschluss an die eigene Verausgabung die Bemühungen der Nationalkollegen auf Großbildleinwand gleich vor Ort zu begutachten und zu feiern. Und mit einer kühlen, blonden Sportlerbrause in der Hand, kann sich auch das härteste Fußballerraubein beim obligatorischen Elfmeterschießen im Halbfinale voll und ganz seinen oder natürlich auch ihren Emotionen überlassen.
Lars Lucke